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Von Lärm-Hypochondern und Krawallmachern

Freitag, 26. Juni 2009

Berlin

In Berlin leben 3848 Menschen pro Quadratkilometer. Das ist im Vergleich zu anderen deutschen Städten sehr viel und auch im internationalen Vergleich nicht wenig. Entsprechend schwierig ist es auf die einzelnen Bedürfnisse der Vielzahl an Menschen einzugehen. Der eine will Kunst und Kultur, ins Theater und in klassische Konzerte, der andere auf Partys bis ins Morgengrauen oder zum ausgiebigen Grillen in den Park.

Schlussendlich gibt es noch die Front derer, die eigentlich nur ihre Ruhe und vorallem eines nicht wollen: Lärm! Glaubt man den Statistiken und nimmt die Anzahl der Beschwerden wegen Ruhestörung als Messwert, ist in den letzten Jahren entweder die Zahl der Ruhefordernden erheblich größer, oder die City einfach viel lauter geworden.

Immer häufiger Beschweren sich Bürger in Berlin über den Lautstärkepegel öffentlicher Veranstaltungen. Immer öfter müssen die Beamten der Polizei wegen Ruhestörung ausrücken. In Neukölln sind die zwei Beamten, denen die Klärung von Streitigkeiten aufgrund Nachbarschaftslärms obliegt, schwerst beschäftigt. Aber auch in anderen Vierteln mehrt sich der Arbeitsaufwand für die wegen Ruhestörung  zumeist übereilt herbeigerufenen Polizeibeamten.

Der beliebte Veranstaltungsort “Zitadelle Spandau” hat es in diesem Jahr schwerer als in den Vorjahren.  So müssen alle Konzerte aufgrund der Beschwerde einer besonders hartnäckigen Anwohnerin bis 21:30Uhr beendet sein.  Dann müssen tausende Menschen nach Hause gehen weil eine Person ihre Ruhe will. (Anm.d.Red.:Es gibt hierzu eine “Richtigstellung” zum Lautstärkepegel der Zitadelle in den Kommantaren sowie Links zu alternativen Darstellungen)

Ist dies nicht der Fall steht sofort eine Anzeige ins Haus, was die Anwohnerin auch schon unter Beweis stellen konnte. Glücklicherweise waren es in diesem Fall die Richter selbst, die, zufällig ebenfalls auf betreffender Veranstaltung anwesend, als Zeugen fungierten. Das Argument der Klägerin es sei bis um 22:30Uhr musiziert und gelärmt worden kam daher eher peinlich als glaubhaft bei den Richtern an.

Den Einsatz bei einem älteren Herrn in Kreuzberg werden die Polizeibeamten sicher auch nicht so schnell vergessen. Dieser hatte mehrmals bei der Polizei angerufen um sich über die nervtötende Musik der Nachbarn zu beschweren. Als die Beamten eintrafen fanden sie  keinen Lärm vor, stellten aber bei genauerer Prüfung  fest, dass es sich bei dem vermeintlichen Lärm um eine in unregelmäßigen Abständen musizierende Glückwunschkarte auf dem Fensterbrett des Rentners handelte.

Derartige Fälle von Lärm - Hypochondrie  lassen den Verdacht zu, manch einer beschwere sich weniger um des Lärmes, als vielmehr um der Aufmerksamkeit willen.

commons.wikimedia.org / by gerard-lorenz

commons.wikimedia.org / by gerard-lorenz

Jedoch sind nicht nur Musikveranstaltungen von den zunehmenden Beschwerden betroffen. So darf der Markt am Kollewitzplatz nach immer heftigeren Streitigkeiten mit den Anwohnern nun erst ab 9 Uhr anstatt wie bisher um 7Uhr beginnen. Auch am beliebten Falkplatz am Prenzlauer Berg wird grillen aufgrund zunehmender Beschwerden in Zukunft ganz verboten sein.

Eigentlich sollte es mit ein bißchen Rücksichtnahme seitens der Krawallmacher und ein bißchen entspannterem Handeln der Lärm - Hypochonder gut möglich sein hier gemeinsame Lösungen zu finden. Wer ständig lärmt ohne auf andere zu achten verhält sich nicht besser wie derjenige der sich ständig beschwert, anstatt Kompromissbereitschaft an den Tag zu legen.

Auffällig ist hierbei noch das der größte aller Lärmverursacher und quasi allgegenwärtige Hintergrundton der Stadt, der Straßenverkehr, am wenigsten zum Ziel der Beschwerden wird.

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2 Kommentar(e)

  1. Opuntia sagt:

    Richtigstellung zur Zitadelle:
    Es ist nicht eine Anwohnerin, die sich beschwert, sondern mehrere Hundert. Die Konzerte der Zitadelle hört man nicht nur in der Altstadt von Spandau und rund um den Spandauer See, sie schallen bis Ruhleben. Man sollte nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Erst recht nicht dann, wenn diese nur einseitig ihre Informationen bezieht und nicht sauber recherchiert. Der Initiative jedenfalls ist kein Anwohner bekannt, der gefordert hätte, dass die Konzerte um 21.30 Uhr zu Ende sein sollten.

    Und was die Musik / Bässe nach 22.30 Uhr angeht, dürfte es sich um das hier gehandelt haben:
    http://www.berlinopenair.de/eine-bastion-als-rechtsfreier-raum/975/
    Aftershowpartys, Nightclub oder wie auch immer das musikalisch untermalte Spektakel sich nennt, das nach einigen Konzerten auf der Zitadelle stattfindet. Der Veranstalter hat schriftlich vor Beginn der Saison zugesichert, dass er diese nicht durchführt. Nachdem im vergangenen Jahr teilweise bis 3, 4 Uhr in der Früh die Bässe zu hören waren. Er hat sich nicht an seine eigene Erklärung gehalten. Eine Genehmigung gibt es bis heute nicht. Das ist nicht nur störend für die Anwohner, sondern ganz nebenbei auch noch Wettbewerbsverzerrend: Andere Veranstalter bekommen Auflagen, die auch kontrolliert werden. Bei der Zitadelle ist das nicht der Fall.

    Zum Stichwort Lärmhypochondrie sei dann noch dieser Artikel hier empfohlen:
    http://www.berlinopenair.de/wabernde-gerauschkulisse/1018/

  2. Kevin sagt:

    Vielen Dank für den Kommentar und die weiterführenden Links. Es hat den Anschein sie wären außerordentlich gut informiert, ich habe daher im Artikel auf Ihre Richtigstellung hingewiesen!

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"Von Lärm-Hypochondern und Krawallmachern"

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